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DANY KELLER: NUR EINE STUNDE ZU SPÄT

Dany Keller lebt seit einigen Jahren zurückgezogen, aber keineswegs untätig in Eichelhardt bei Altenkirchen, um der Familie Ihrer Tochter Katharina Keller näher zu sein. Vor kurzem hat sie ihr neues Buch „Nur eine Stunde zu spät“ herausgebracht, in dem sie auf die interessantesten Momente der Zusammenarbeit und Begegnungen mit internationalen Künstlern zurückblickt, die sie während ihrer 48-jährigen Tätigkeit als Galeristin traf. Die Liste ist lang: John Cage, Laurie Anderson, Peter Greenaway, Christoph Schlingensief und viele andere. Das nahm ich zum Anlass, um sie gemeinsam mit Ihrer Tochter Katharina zu besuchen und mit ihr über ihr bewegtes Leben mit der Kunst zu sprechen.

KK: Du hast 1970 zusammen mit deinem Mann Thomas Keller eine Galerie zunächst in Starnberg und dann in München gegründet. Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen? 

Damals war es so, dass wir beide uns für Kunst interessierten. Ich habe schon als junges Mädchen Kunstabbildungen aus Zeitschriften ausgeschnitten und um mein Bett geklebt. Thomas kam aus dem Verlag und hatte mit Kunst zu tun; sein Vater hat unter anderem auch Kunstbücher publiziert.  

Es war Thomas‘ Idee, eine Galerie zu eröffnen, obwohl wir absolut keine Ahnung hatten. Das war Ende der 60er Jahre. Um eine Galerie aufzumachen, braucht man Startkapital, weil man als Galerist in den Anfangsjahren kein Geld verdient, sondern nur verliert. Es sei denn, man hat viel Geld und kann Werke großer Stars einkaufen, dann kann es funktionieren. Das Risiko ist jedoch immer präsent, es gibt keine Sicherheit.

DH: Einen gewissen Geschäftssinn hattest du aber schon, oder? 

Es ist sicherlich von Vorteil, Kunstgeschichte zu studieren, wenn man Galerist werden will, aber es ist nicht zwingend notwendig. Ich habe die höhere Handelsschule besucht, also hatte ich gute Grundlagen in Betriebswirtschaft. Und sehr kunstinteressiert und abenteuerlustig war ich noch dazu. 

DH: Welche Art der Kunst hat dir damals gefallen? 

Konkrete Kunst, das heißt abstrakte Kunst, Konstruktivismus, die es seit dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts gab. 

KK: Damals gab es nicht so viele Galerien wie heute.

Nein. Gestartet hat die Galerie in Kempfenhausen am Starnberger See, später kam eine zweite in der Maximilianstraße in München hinzu. 

KK: Nach 18 Jahren Ehe hast du dich von Thomas Keller getrennt und dich entschieden, allein weiterzumachen in einer angemieteten Fabrikhalle mitten in München. Das war sehr mutig.

Es war nicht einfach, damals gab mir keiner eine Chance. Es war die erste Fabrikhalle in München, die ich in eine Galerie umgestaltete mit Betonboden und fast vier Meter hohen Decken. Damit gab ich den Künstlern eine großzügige Möglichkeit, sich zu präsentieren. 

DH: Änderte sich dadurch das bisherige Konzept?

Ja, total. Vorher zeigten wir vorwiegend die Kunst, die Thomas Keller interessierte, zu der ich auch stand. Danach fragte ich mich, was will ich? Bald fanden innerhalb der Ausstellungen die ersten Performances statt. Das war natürlich ein Risiko und ein Abenteuer. Ich habe z.B. die Ausstellung „Sound in der bildenden Kunst“ gemacht. Das war fast absurd, aber schließlich ein Riesenerfolg, auch weil ich Ungewöhnliches zeigte. Nie habe ich etwas gemacht, um bewundert zu werden, sondern immer genau das, was mir fehlte, was ich gern selbst sehen wollte, und was es in München nicht gab. Ich hatte tausende Ideen und habe einige davon realisiert.

KK: Dabei musstest du auch den wirtschaftlichen Erfolg im Auge behalten. Gab es einen festen Sammlerstamm, der regelmäßig vorbeikam? 

Zuerst überhaupt nicht. Das hat mich anfangs nervös gemacht. Später kamen auch manche von den ganz Großen. Allerdings ist es eine Illusion zu glauben, dass ein Sammler kommt und viel oder alles kauft. 

KK: Ich erinnere mich an eine alte Frau aus dem norddeutschen Raum, die jedes Jahr kam, um sich eine Zeichnung bei dir zu kaufen, auf die sie gespart hatte. Und das 15 Jahre lang. Genauso kamen viele junge Leute, Studenten, und bezahlten die erworbene Arbeit in Raten ab.

Sogar Schüler. Mich faszinierte ein junger Mann, der regelmäßig während seiner Schulzeit kam und kaufte für kleinere
Beträge Zeichnungen. Heute ist er ein ganz großer Kunstsammler in München. 

KK: Du hattest ein sehr treues Publikum, das immer zu den Vernissagen kam und schaute, was du machst. Es war immer voll. 

Ja, die Besucher hatten Vertrauen zu mir. Selbst wenn ich einen unbekannten Künstler ausstellte, wurde gekauft. Das hat mich selbst fasziniert. Es ist nicht schwer, nach einer gewissen Zeit im Kunstbetrieb zu erkennen, was wirklich gute Qualität ist, vor allem habe ich sehr viele Ateliers, Museen und Kunstvereine besucht. 

DH: Mit welchen Künstlern hast du gern gearbeitet?

Die einfachste Zusammenarbeit war mit Künstlern, die schon großen Erfolg hatten. Oder mit denen, die ganz am Anfang standen. Mit denen dazwischen ist es meistens schwierig. Da gibt es große Erwartungen und Hoffnungen, die sich noch nicht erfüllt haben. Die Anfänger sind im Aufbruch und die ganz oben sind schon entspannt.

KK: Deine Galerie wurde in den 70er/80er-Jahren bekannt für Performances. Du warst die erste Galeristin, die sie erstmalig präsentierte. Wie hast du begonnen?

Mit einer Performance von Laurie Anderson. Ich kannte sie aus New York und habe sie eingeladen, als sie in Hamburg beim Theaterfestival war. Für uns war sie eine Sensation! Damals kamen höchstens 30 Leute, später füllte sie ganze Stadien und Konzertsäle.

DH: Genauso hast du regelmäßig Kunst aus Afrika gezeigt und manch einen afrikanischen Künstler entdeckt und groß gemacht, wie Romuald Hazoumè aus Benin. Was faszinierte dich an der Kunst aus Afrika?

In dieser Kunst ist etwas, was ich in der westlichen Kunst immer mehr vermisse: die transformierte Tradition, die Seele, das Elementare. Es hat Wurzeln im Ursprünglichen; das, was Picasso sich so wünschte: wieder wie ein Kind zu malen.   

DH: Was, denkst du, war essenziell für deinen Erfolg?

Dass ich immer von dem, was ich machte, begeistert war. Wie besessen. In Gesprächen war ich deswegen oft aufgeregt oder enthusiastisch, sodass es auf die Zuhörer übergesprungen ist. Alle dachten wohl, wenn die Frau so verrückt ist, muss was dran sein. Ich glaube, das ist der Schlüssel, alles andere zählt nicht. 

KK: Wie konntest du München nach 40 Jahren den Rücken kehren?

Ein wesentlicher Grund war für mich, dass ich auf diese Rituale, die man mitmachen muss, wenn man im Geschäft bleiben möchte – sowohl kulturell, als auch gesellschaftlich und privat, das heißt präsent sein – nach den Jahren keine Lust mehr hatte. Ich wollte mehr Freiheit haben.

KK: Hier ist der Austausch über Kunst, Literatur oder Musik sehr reduziert. Kam dir die Idee mit dem Schreiben deshalb erst hier?

Ich habe immer wieder in meinem Münchner Umfeld davon erzählt, was ich so mit Künstlern erlebt habe. Und alle haben regelmäßig gesagt: „Das ist so interessant, das musst du aufschreiben.“ Zunächst mal dachte ich gar nicht daran.  

Erst als ich den Gedanken fasste, aus München wegzugehen, habe ich angefangen, diese Geschichten aufzuschreiben. Nur fragmentarisch. Ich dachte, ich habe viele Talente, aber schreiben? Und auf einmal wurde es mir wichtig. Es hat mich interessiert, an was erinnere ich mich noch? Zunehmend hat mir die Kunst des Formulierens große Freude gemacht. Die wesentlichsten Ereignisse habe ich in diesem Buch aufgeschrieben und ich habe bereits einige neue begonnen. Jetzt schreibe ich jeden Tag, in jeder freien Minute. Es hat inzwischen fast Suchtcharakter. Generell im Leben lohnt es sich genau hinzuschauen oder zu zuhören. Ich berichte darüber, was ich sehe, was ich erlebe. Dann entstehen Kurzgeschichten, Essays, Glossen und manchmal Gedichte. 


Dany Keller: Nur eine Stunde zu spät 

Zusammenarbeit und Begegnungen der Galeristin mit
internationalen Künstlern

ISBN 978-3-923993-99-4

168 Seiten, 22x17 cm, 66 Farb- und
36 Schwarz-weiß Abbildungen

Preis: 19,50 € 

Erhältlich bei: EditionUndSoWeiter

Hauptstr. 5, 57612 Eichelhardt

Tel. 02681-9830554

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

www.editionundsoweiter.de

 

Termine

 
24.04.

20 Uhr
Ingeborg Gleichauf liest aus:
Sein wie keine andere.
Simone de Beauvoir – Schriftstellerin und Philosophin
Buchhandlung R², Holzgasse 45, 53721 Siegburg


26.04. & 27.04.

19:30 Uhr
Pop und Poesie: Für immer und Dich - von Liebe und anderen Banalitäten ...
Buchhandlung R², Holzgasse 45, 53721 Siegburg


28.04.

8:30 - 16:00 UHR
29. APRIL
13:00 - 18:00 UHR
TAGE DER OFFENEN TÜR
Pflanzenhof Schürg


06.06. 

um 17 Uhr
Lesung Dany Keller aus dem Buch „Nur eine Stunde zu spät“ in der
Galerie Susanne Neuerburg, Frankfurter Str. 91, in Hennef
und ein Gespräch mit der Galeristin.
Eintritt frei



Highlights

 

Die neue Ausgabe Sommer 2018

erscheint am 01.06.2018

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