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IHR LANDSTYLE MAGAZIN

Man könnte meinen, dass mir im Alter von 21 Jahren Mode besonders wichtig ist. Dass ich mich für Trends interessiere und großen Wert darauf lege, wie ich auf andere wirke. Tja, könnte. Doch es gibt nichts, was ich zurzeit so wenig verstehe wie eins: Mode.

Es ist zwar gut, dass junge Leute immer noch was anhaben (Mädels, wir sind keine Spanierinnen, bauchfrei im Winter braucht kein Mensch), aber das, was sie anhaben; die Trends, denen sie folgen, da komme ich einfach nicht hinterher. Es existiert gerade so eine merkwürdige Mischung aus „Bloß-Keine-Farben-Mode“, aber trotzdem irgendwie auffallen und sich mit seinem „80er-Jahre-Ist-Mir-Alles-Scheißegal-Hip-Hop-Look“ selbst verwirklichen.

Fangen wir mit einem sehr beliebten Kleidungsstück an, dem Mantel. Lang, gerade, schwarz, kombiniert mit weißen oder beigen (bloß keine Farbe!) Sneakers, am besten von Adidas oder Nike. Für die ganz abgefahrenen Individualisten Reebok, Puma oder Fila. Manche tragen sogar statt einfachen Schnürsenkeln dicke Schuhbänder zu ihren lackierten Sneakers. Irgendeine verrückte Besonderheit müssen sie ja haben, wenn sie schon nicht bunt sind. Kombiniert wird das Ganze mit weiten Jeans, die so viele Löcher haben, dass man eher für Luft statt für den Stoff bezahlt. Oder diese weiten Vintage High Waist-Stoffhosen, die ja bekanntlich jeden Mann schwach machen. 

Die Pullis dürfen gern in der Männer-abteilung gekauft werden: XXL, nicht figurbetont und – ganz wichtig – das Logo von Adidas, Reebok, Fila etc. muss fett vorne oder hinten abgedruckt sein. Für den spießigen Individualisten gibt es da klassisch „TOMMY“. Richtig interessant wird der Look durch Accessoires. Must-Haves: Eine Kappe oder Mütze (schwarz, grau oder weiß) mit Adidas oder NY vorne drauf und eine Sonnenbrille bei -10 C. Die Mütze muss bis über die Ohren hochgekrempelt sein. Läuft. Der Winter kann kommen! 

Für den „Möchtegern-Kunststuden-tinnen-Look“ oder den „Selbstständige-Bloggerinnen-Look“ muss es allerdings ein Hut (schwarz!!!) mit runder Brille sein, auch wenn man ohne Brille besser sieht (und aussieht). Nebenbei: Mama, an dieser Stelle bist du mit deinem 40 Jahre alten Führerscheinbild wieder voll im Trend. 

Ganz lässig wird dieser Look, wenn man eine selbst gedrehte Zigarette in der rechten und einen veganen Soja-Coffee-To-Go in der linken Hand hält. Der hippe Fjälräven-Rucksack auf dem Rücken, in dem man seinen Tabak und sein Macbook von APPLE (no advertisement!) verstauen kann, darf natürlich nicht fehlen. Schminken ist erlaubt, aber nur so viel, dass jeder denkt: „Krass, was für eine Naturschönheit!“ Leute, really? 

Und die Frisur sieht auch so aus wie damals, als sich Mama stundenlang bemüht hat, einen nicht wie eine Vogelscheuche zum Kindergarten gehen zu lassen. Wenn die Haare zusätzlich noch grau gefärbt sind, heißt das, man kann die Rente kaum erwarten. Warum auch immer. 

Bei den Männern sieht es ähnlich aus. Nur dass sie mittlerweile mit ihrem Man-Bun und perfekt rasiertem Haar mehr Zeit vor dem Spiegel verbringen als wir Frauen. Und anscheinend auch in der Frauenabteilung. Enge Jeans, Shirts mit tiefem Ausschnitt und eine Handtasche in der Hand. SEXY! Dazu noch jede Menge Tattoos mit Rosen, Kreuzen oder „Mum is the best“ (soll ja keiner denken, sie wären nicht männlich) und den richtigen Fuß-vor-Fuß-Arsch-raus-Gang, dann sieht dieser Look total leger, spontan und eigen aus. Und am besten präsentiert man sich posend an der Haltestelle oder mit einem Selfie auf Instagram, mit den Hashtags
#fashionlover, #instafashion, #life, #feelgood, #motivation ... Muss ich jetzt noch erklären, warum ich Single bin?

Richtig fancy sind diese Looks aber erst, wenn man sie sich aus diversen Second-Hand-Läden zusammenstellt. Denn „I care about Nachhaltigkeit and I‘m so freaky drauf, I don‘t need Massenware“ steht dabei im Vordergrund. Für die für 10 € hergestellten Markenschuhe aus Bangladesch dürfen aber trotzdem gern mal 180 € ausgegeben werden. Wozu würden die hochgezogenen Adidas Socken sonst passen? Und wehe, einer vergisst, dass es hier nicht um Mode geht, sondern um eine Botschaft an die Gesellschaft: „I‘m totally free. I‘m totally myself. I don‘t give a fuck. I‘m individual. And I do my thing!“

Ähm ... Ja. Genau. Nur blöd, dass euer Retro-Hippie-Vintage-Style so gar nicht authentisch wirkt. Denn Klamotten zu tragen ist eine Sache, aber sie zu verkörpern eine andere. Es fällt nämlich auf, wenn nur der Mensch, aber nicht sein Charakter die Kleidung trägt. Und da frage ich mich jeden Tag, was sucht meine Generation eigentlich? Hat sie Sehnsucht nach Individualität? Sehnsucht nach Verwirklichung? Oder ist sie auf der Suche nach sich selbst? Ich habe das Gefühl, wir suchen und suchen, aber wissen nicht genau wonach. Wir wollen etwas Greifbares. Vielleicht eine Revolution. Aber wir sind zu feige. Es geht uns zu gut. Wir wissen nicht wohin. Wir wollen auffallen, aber nicht aus dem Rahmen fallen. Wollen verrückt sein, aber nicht geisteskrank. Wollen ganz anders und eigen sein, aber dann doch nicht auffallen. Und am Ende sind wir alles andere als das, nämlich angepasst und gleich. 

Ich stelle mir immer vor, wie sich all diese Kunststudentinnen in ihrer Vorlesung treffen. Und dann sitzen sie da. Reihe für Reihe. Da frage ich mich, wer ist hier der Individualist? Und wahrscheinlich wäre der einzige, der mir einfallen würde, der Dozent.

von Janika Hampl

Termine

 
24.04.

20 Uhr
Ingeborg Gleichauf liest aus:
Sein wie keine andere.
Simone de Beauvoir – Schriftstellerin und Philosophin
Buchhandlung R², Holzgasse 45, 53721 Siegburg


26.04. & 27.04.

19:30 Uhr
Pop und Poesie: Für immer und Dich - von Liebe und anderen Banalitäten ...
Buchhandlung R², Holzgasse 45, 53721 Siegburg


28.04.

8:30 - 16:00 UHR
29. APRIL
13:00 - 18:00 UHR
TAGE DER OFFENEN TÜR
Pflanzenhof Schürg


06.06. 

um 17 Uhr
Lesung Dany Keller aus dem Buch „Nur eine Stunde zu spät“ in der
Galerie Susanne Neuerburg, Frankfurter Str. 91, in Hennef
und ein Gespräch mit der Galeristin.
Eintritt frei



Highlights

 

Die neue Ausgabe Sommer 2018

erscheint am 01.06.2018

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